Literaturtipp

Literaturtipp
An dieser Stelle wollen wir Ihnen in loser Folge Literaturtipps geben.
Dabei handelt es sich nicht immer um Neuerscheinungen, sondern auch um persönliche Lieblingsbücher und Wiederentdeckungen.

Folge 1:
„Erklärt Pereira“ von Antonio Tabucchi
Lissabon 1938. Doktor Pereira, ein in die Jahre gekommener Journalist, ist für die Kulturseite einer kleinen Lissaboner Abendzeitung verantwortlich. In dieser Eigenschaft veröffentlicht er Texte französischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die er selbst übersetzt. Zudem herzkrank und verwitwet, lebt Pereira in seiner eigenen Welt und verschließt die Augen vor den politischen Umwälzungen, die das Regime des Diktators Salazar mit sich bringt. Erst die Bekanntschaft mit Monteiro Rossi, den er als Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen möchte, weckt ihn allmählich aus seiner Passivität auf. Der junge Mann und seine Freundin Marta sind im Widerstand tätig. Als Monteiro Rossi in immer größere Gefahr gerät, begreift auch Pereira endlich, was um ihn herum geschieht. Er erkennt, dass der Mensch erst zum Mensch wird, wenn er in einer bestimmten Situation rebelliert. Pereira tut dies auf seine Weise, durch die Macht des geschriebenen Wortes. Dabei gelingt es ihm genial, die Zensurbehörde zu überlisten.

Im nüchternen Stil einer Zeugenaussage (so auch der Untertitel des Romans) und zugleich mit einer wunderbar schwebenden Leichtigkeit erzählt Antonio Tabucchi diese zeitlose Geschichte auf nur knapp zweihundert Seiten. Wenn man Pereira auf seinen Wegen durch das alte Lissabon folgt, spürt man förmlich die Hitze und die besondere Atmosphäre dieser Stadt, die auch dem italienischen Autor zu einer zweiten Heimat wurde. Sehr plastisch schildert er die Figuren, seine Sprache entfaltet schon nach wenigen Sätzen eine fesselnde Wirkung. Die Geschichte, die an keiner Stelle mit dem moralischen Holzhammer arbeitet, ist dennoch ein eindringlicher Appell an die Wachsamkeit jedes Einzelnen, um die meist schleichenden Veränderungen und Gefahren zu erkennen und dann entsprechend zu handeln.

Das Buch erschien 1994 und wurde bereits ein Jahr später verfilmt. Dabei handelt es sich um eine der gelungensten Literaturverfilmungen mit einem unvergesslichen Marcello Mastroianni in einer seiner letzten Rollen. Die deutsch synchronisierte Fassung erschien erst 2019 als DVD und ist eine sehr empfehlenswerte Ergänzung zur Lektüre.

Michaela Plattenteich

Folge 0:
Wer mehr über Otto Brües erfahren möchte, greife zu: „Die 22 Krefelder Ehrenbürger“ von Heinz Webers, erhältlich im Krefelder Buchhandel.